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08/10/17

Eine Vertreibung aus dem Paradies

Fritz Kreill (1900 – 1977) gewinnt durch seine Kindheit in Vilsbiburg eine enge Bindung an den Heimatort. (Foto: privat)
Die Konditorei und Weißbierbrauerei Kreill am Stadtplatz vor dem Umbau im Jahr 1934. (Foto: Archiv Heimatmuseum Vilsbiburg)

Die Kindheit von Fritz Kreill in Vilsbiburg – Zur Sonderausstellung im Museum

 

Vilsbiburg. „Vielleicht falle ich doch bei der Aufnahmeprüfung durch!“ Das ist der reichlich unfromme Wunsch, den der Sohn des Konditors, Cafétiers und Weißbierbrauers vom Vilsbiburger Marktplatz einem Zettel anvertraut und in einer Ritze der dunklen Treppe seines Elternhauses verbirgt. Erläuternd fügt er noch hinzu: „Ihr wisst nicht, wie schwer es mir ist, Vilsbiburg zu verlassen“. Verabschieden muss sich der im Jahr 1900 geborene Bub zum Studium aus einer unbeschwerten Kindheit vor dem I. Weltkrieg und er schildert diese Erinnerungen aus der so genannten guten alten Zeit in einem mehrseitigen Beitrag im Begleitbuch zur aktuellen Sonderausstellung im Heimatmuseum.

 

Fritz Kreill erinnert sich und uns an das damalige Knabenschulhaus an der Kirchstraße. Zur Anmut des historischen Gebäudes kommen jedoch auch der raue Charme der Lehrermarie, eines Faktotums für Ordnung und Sauberkeit aller Art. Doch selbst ihr gelingt es nicht, das überall präsente strenge Aroma der offenen Plumpsklosetts zu bändigen. Von einer Kabine zur anderen entspinnt sich zwischen den Schülern meist ein reger Gedankenaustausch. Nur einmal erntet der kleine Fritz auf die Frage „Wer isn drent?“ eisiges Schweigen. Diesem Phänomen gilt es auf den Grund zu gehen und als er die Trennwand erklommen hat, stellt er fest, dass dort kein Schulkamerad mit einer höchst menschlichen Verrichtung beschäftigt ist – sondern der Herr Benefiziat! Die vorgeschriebene Begrüßung gerät nur zu einem verstümmelten „Gelobt sei …“, da es der Fritz für dringend geboten hält, den Raum schleunigst zu verlassen.

 

Der Spielkamerad Vils

 

Die wichtigste Zeit des Tages beginnt aber erst, nachdem die Buben das Gebäude mit den geölten Fußböden, knarzenden Treppen und wackelnden Geländern hinter sich gelassen haben. Den Spielen an den Nachmittagen wohnt eine gehörige Rauheit inne, werden doch die unvermeidlichen Revierkämpfe mit selbst gefertigten Hollerbüchsen ausgetragen. Genialster Spielkamerad ist allerdings der quer durch den Markt träge dahin fließende Fluss. Zur Belustigung des männlichen Nachwuchses haben die Erwachsenen an verschiedenen Stellen, so auch am Ende der Floßgasse und bei der Pfarrerbrücke Waschflöße in die trüben Fluten gehängt. Wenn sich die gesamte Bande in einer Ecke zusammen drängt, kommt die Holzkonstruktion in eine interessante Schieflage und man kann beobachten, wie das Wasser lustig durch die Ritzen des Bodens blubbert. Entscheidend ist in dieser Situation, das Floß erst im letzten Moment zu verlassen, wobei ein durchnässter Hosenboden zum Restrisiko gehört. So richtig können Fritz Kreill und seine Kameraden die Vils erst in den Ferien genießen, des Sommers praktisch den ganzen Tag im Schwimmbad, wo der Bereich für die Damen noch mit einem hohen Bretterzaun abgeschottet ist, und im Winter auf dem Eis – falls dieses beim Haslbeck’schen Brauhaus auch wirklich tragfähig ist.

 

So geht es in den Erinnerungen des Vilsbiburger Sprösslings munter weiter. Berichtet wird von den ersten Gastarbeitern, den Zieglern aus dem Friaul, dem gestrengen Ortsgendarm Bergbauer, den Besuchen in der Bergkirche und dem Ministrantendienst, den ersten Postomnibussen und geheimnisvolle Weihnachtszeiten im Kreill’schen Elternhaus. Noch anschaulicher werden die lebendigen Schilderungen durch einige Aquarelle vom Verfasser selbst.  Es ist offenbar eine glückliche Zeit. Nur ein Wunsch, den Fritz Kreill in einer trüben Stunde der Treppe anvertraut, geht nicht in Erfüllung: Die Aufnahmeprüfung besteht er locker und so empfindet er das Zwölfuhrläuten vom Spitalturm stets als traurigen Abschiedsgruß am Ende einer Ferienzeit. Im Jahr 1918 wird er als einer von wenigen Vilsbiburgern gemustert und muss noch „als letztes Aufgebot“ die Niederlage der Reichswehr miterleben. Danach ist er Gewerbelehrer tätig und geht schließlich im Jahr 1965 als hoch angesehener Studienrat und stellvertretender Direktor der Städtischen Berufsschulen in Landshut in den Ruhestand.

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