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08/10/17

So oder so die Heimat verloren

Ab dem Jahr 1940 waren Südtiroler Kinder im St.-Johannesheim untergebracht

Vilsbiburg. Es war dies auch eine Art, die Kindheit in Vilsbiburg zu verleben. Vor

fast genau 77 Jahren wurden hier 50 Kinder, die man ihrer Südtiroler Heimat

beraubt hatte, mit einer gedrechselten Pressemeldung empfangen. Man war

offensichtlich stolz darauf, die erste Stadt im Reich zu sein, in der die

entwurzelten Kinder untergebracht wurden. Ihre neue Bleibe war das St.-

Johannesheim an der damaligen Kirchstraße. Das im Jahr 1885 als

„Rettungsanstalt für Kinder“ eröffnete Gebäude erzählt in seiner langen

Geschichte von den verschiedensten Begebenheiten bis hin zu internationalen

Ereignissen. Darin eingebettet ist auch das Schicksal der Südtiroler in der Folge

einer zweifelhaften Vereinbarung, auf die sich die beiden Diktatoren Adolf Hitler

und Benito Mussolini im Jahr 1939 geeinigt hatten.

Von der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatte sich die

deutschsprachige Bevölkerung in Italien anfangs eine Stärkung ihrer Volksgruppe

versprochen. Doch es sollte völlig anders kommen. Sechs Jahre später schlossen

nämlich Hitler und Mussolini ein Abkommen zur Umsiedlung der

deutschsprachigen Menschen in Südtirol, in den Sieben Gemeinden der Provinz

Vicenza und der Ladiner. Wer das Angebot zur Ausreise nach Deutschland

annehmen wollte, wurde als „Optant“ bezeichnet. Alle anderen stufte man als

„Dableiber“ ein und beraubt sie ihrer wichtigsten Bürgerrechte. Unter anderem

mussten sie ihre angestammte Sprache und Kultur verleugnen und verloren auf

diese Weise auch ihre Heimat.

Nachdem die Südtiroler Kinder reichlich euphorisch in Vilsbiburg begrüßt wurden,

drehte sich das Räderwerk des typisch deutschen Bürokratismus. Für jedes der

Kinder wurde eine Personalmappe angelegt, in der man eine Menge von

Informationen festhielt, beispielsweise Angaben zum Gesundheitszustand, der

Größe und dem Gewicht des Kindes. Weiter gab es Bescheinigungen über den

Bezug von Lebensmittelmarken und schließlich Angaben über die rassische

Zugehörigkeit. Im Pfarrarchiv hat Museumsleiter Lambert Grasmann noch 23

dieser Personalakten ausgegraben. Sie geben Auskunft darüber, dass auch in den

folgenden Jahren immer wieder Kinder aus Südtirol nach Vilsbiburg umgesiedelt

wurden.

Auch diese weniger erfreulichen Ereignisse gehören zum gesamten Komplex derKindheit in Vilsbiburg die einen Zeitraum von ca. 70 Jahren bis zum Jahr 1960

umspannt. Die unterschiedlichen Begebenheiten zu dem vielschichtigen Thema

machen die Sonderausstellung im Heimatmuseum und das als Band 19 der Reihe

Vilsbiburger Museumsschriften erschienenen Begleitbuch so interessant.

 

 

Mit diesem Inserat in der Vilsbiburger Ausgabe der Zeitung „Bayerische Ostmark“ wurden die Südtrioler Kinder am 20. Juni 1940 begrüßt

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