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09/27/16

„Es häuften sich die Toten und Verwundeten“

Erschütternde Berichte von Schlachten in Frankreich – Dokumentiert im Heimatmuseum

 

Vilsbiburg. Matthäus Baumgartner, einer der drei gefallenen Hoferben aus Hub bei Binabiburg war dabei, ebenso wie Johann Brandmeier, Georg Auer, Franz Löffl und Alois Deutinger. Sie und viele andere hauchten ihr junges Leben vor genau 100 Jahren in der Schlacht an der Somme aus. Michael Pichlmeier, Josef Berghammer, Jakob Wiesmeier und andere kamen hingegen zur gleichen Zeit nicht mehr lebend aus der „Blutmühle“ von Verdun heraus. An sie alle erinnern Gedenktafeln in der Pfarrkirche Vilsbiburg. Auf dem „Felde der Ehre“ blieb auch der Vizefeldwebel und Königliche Gerichtsassistent Karl Pichlmeier um den nicht nur die Angehörigen, sondern auch der Männerturnverein, der Kanzleiverein und die Ortskrankenkasse Vilsbiburg trauerten.

 

Das so genannte Feld der Ehre, das so viele hoffnungsvolle junge Männer nicht mehr lebend verlassen sollten, bestand meist aus Schlamm, Wasser sowie Sand und die Luft darüber war extrem metallhaltig. Josef Wirthenson erinnert sich: „Die Verwundeten und Toten lagen massenhaft umher. Der Regen wurde ärger. Bis auf die Haut waren wir nass. Die ganze Kleidung triefte von Wasser und Lehm klebte am Körper“. Der glückliche Umstand, dass der Leutnant der Reserve Wirthenson das Gemetzel an der Westfront des I. Weltkrieges überstand, erlaubte es ihm, seine Eindrücke von den schrecklichen Julitagen des Jahres 1916 der Nachwelt weiterzugeben: „Wir lagen mit dem ganzen Körper im Schlamm und wurden mehrmals verschüttet. Die Verluste waren enorm. Die Leute wurden baumhoch geschleudert und einige davon später … im Walde blau am ganzen Körper ohne Verwundung tot aufgefunden … Es waren herzzerreißende Anblicke.“ Ob Josef Wirthenson als Lehrer in der einklassigen Volksschule in Leberskirchen in den Jahren 1928 bis 1934 von diesen grauenhaften Erlebnissen erzählte, ist heute nicht mehr bekannt. Wohl aber, dass er Ende Juni 1926 der Schriftleitung des Reichsarchivs in Potsdam einen umfangreichen Beitrag vor allem über die Kämpfe im Mametzer Wald in Nordwestfrankreich übersandte.

 

So hatte man sich den Verlauf des Krieges im Sommer 1914 jedenfalls nicht vorgestellt. Lena Christ schildert in ihrem Erzählband „Unsere Bayern anno 14“ die frohgemute Stimmung in den Zügen, mit denen die Rekruten aus dem Oberland in Richtung München rollten. Da ertönten lustige Lieder und man freute sich darauf, den „Franzosenrammeln“ einmal kräftig aufs Maul zu hauen. An Weihnachten wollte man selbstverständlich wieder zu Hause sein. Sie dachten wohl an eine gehobene Wirtshausrauferei Mann gegen Mann, aber dann gerieten sie in den ersten industriell geführten Krieg mit tagelangem Trommelfeuer bei dem sie den Gegner meist nicht einmal zu Gesicht bekamen. Da rollte auf Schienen ein von der Firma Krupp hergestelltes Geschütz heran und schickte mit einem Kaliber von 42 Zentimetern todbringende Granaten über das Land. Doch die Gegner auf Seiten der Entente wurden von ihrer aufstrebenden Industrie mehr als gleichwertig ausgestattet und verwandelten mit tagelangem Trommelfeuer das Gefechtsfeld in einer Kraterlandschaft.

 

Dolchstoßlegende und Hungerwinter

 

Sieht man einmal von der Brussilow-Offensive an der russischen Front des Jahres 1916 ab, waren die Kriegsereignisse an der Somme und bei Verdun die verlustreichsten Schlachten des I. Weltkrieges. Wolfram Pyta, der eine ausführliche Biografie über Paul von Hindenburg verfasst hat, deutet an, die deutschen Generäle an der Westfront hätten dem späteren Reichspräsidenten die Siege im Osten (Stichwort: Tannenberg) nicht gegönnt und waren bestrebt, ähnliche Erfolge im Westen zu feiern. Wenn Erich von Falkenhayn, der Oberbefehlshaber in Frankreich, behauptete, er habe die Gegner in einem Abnutzungskrieg „ausbluten“ wollen, wurde der verhängnisvolle Verlauf der Kampfhandlungen wohl nachträglich zum Ziel erklärt. Fest steht, dass bei Verdun rund 800.000 Tote, Verwundete und Gefangene auf beiden Seiten zu beklagen waren, an der Somme gar mehr als eine Million. Fest steht: Als im Herbst des Jahres 1916 nach monatelangen Materialschlachten auf beiden Kriegsschauplätzen die Kampfhandlungen eingestellt wurden, hatte keine Seite entscheidende Geländegewinne erreicht oder den Gegner gar besiegen können. Die deutsche Reichswehr war allerdings spürbar geschwächt und konnte sich in der Folge nur noch auf defensive Aufgaben beschränken. Dies wiederum lieferte reichlich Futter für die so genannte Dolchstoßlegende, eine von der deutschen Obersten Heeresleitung in die Welt gesetzte Verschwörungstheorie. Man schob die Schuld an dem unbefriedigenden Kriegsverlauf von den verantwortlichen Militärs auf „vaterlandslose Zivilisten“ ab, von denen das unbesiegbare Heer einen „Dolchstoß von hinten“ erhalten habe.

 

Die Bevölkerung im Reich und auch im Vilsbiburger Land hatte jedoch ganz andere Sorgen. Ausgelöst durch die Kriegsereignisse, aber auch wegen einer Missernte im Jahr 1916 erlebte man in der Heimat nämlich einen Hungerwinter, der auch als „Steckrübenwinter“ in die Geschichte einging, weil die Kohlrübe letzte Nahrungsreserve genutzt wurde. Im Frühjahr 1917 sank die Versorgung der Bevölkerung auf einen traurigen Tiefpunkt.

So ist Joseph Wirthenson (1894 – 1970) in der Sonderausstellung zu sehen. Die Paradeuniform, mit der sich vor dem Krieg ablichten ließ, war im Schlachtengetümmel an der Somme eher unbrauchbar. (Foto: Archiv Heimatmuseum Vilsbiburg)
Der walisische Künstler Christopher Williams (1873 – 1934) überlieferte das Gemetzel im Mametzer Wald, in das auch Joseph Wirthenson im Jahr 1916 verstrickt war, in einem Gemälde der Nachwelt. (Abbildung: Wikimedia)
Menschlicher Abfall: Soldaten laden im Jahr 1916 bei Verdun getötete Kameraden auf einen Anhänger (Foto aus DAMALS, das Magazin für Geschichte, 46. Jgg. 3/2014, S. 18)

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