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06/28/16

Der I. Weltkrieg - Ursachen, Auswirkungen und Folgen.

Einführungsvortrag von Kreisheimatpfleger Peter Barteit bei der Ausstellungseröffnung am 18. Juni 2016

 

Vor genau 100 Jahren befand sich der I. Weltkrieg in seiner blutigsten und verlustreichsten Phase. Am 21. Februar 1916 hatte die legendäre Schlacht um Verdun begonnen, die später einmal als „Blutmühle“ bezeichnet werden sollte. In dem Inferno war es sehr schwierig, die Zahl der Getöteten und Verwundeten genau zu ermitteln. Experten gehen jedoch von rund 800.000 Verlusten auf beiden Seiten aus. Noch grausamer war die am 1. Juli 1916 begonnene Offensive an der Somme. Charakteristisch für die Kriegshandlungen dieses Jahres war nicht nur der enorme personelle und materielle Aufwand, sondern vor allem der bedenkenlose Umgang mit Menschenleben. Es war ein massenhaftes gegenseitiges Abschlachten, das letztlich keiner Seite entscheidende Geländegewinne und schon gar nicht den erhofften Durchbruch gebracht hatte.

 

Denkt man an den I. Weltkrieg, liefert unsere körpereigene Festplatte sofort das Stichwort „Sarajewo“ mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger. Aber wir machen einen Fehler, wenn wir die Ursache des I. Weltkrieges auf dieses traurige Ereignis reduzieren. Dann wäre dieser fürchterliche Krieg quasi wie ein Blitz aus heiterem Himmel über die Welt gekommen. Und damit nehmen wir der Geschichte die Möglichkeit, das zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Nämlich uns zu lehren, wie man solche Katastrophen in der Zukunft vermeidet. Man darf die Geschichte nicht so betrachten, wie uns die vermeintlich gute, gemütliche, weil so walzerselige Zeit um 1900 am besten gefällt, sondern muss den ungeschönten Fakten ins Auge sehen.

Schon die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich, die Kaiser Franz Joseph I. in Verkennung aller Fakten dazu veranlasste, sich als „Mehrer des Reiches“ zu bezeichnen, war ein Irrglaube. Die wirtschaftlich unterentwickelte Provinz schwächte die Monarchie wirtschaftlich und der turbulente Balkan brachte neue Unruhe in den ohnehin schon zerbrechlichen Vielvölkerstaat. Ich stelle sogar die These auf, Kaiser Franz Ferdinand hätte im Jahr 1953 in aller Ruhe seinen 90. Geburtstag feiern können – und es wäre doch irgendwann zwischen 1915 und 1920 zum Krieg gekommen. Niemand will die nationalistischen Umtriebe serbischer Gruppierungen verharmlosen, die ein Großserbien anstrebten, d. h. alle serbischen Siedlungsgebiete, auch dort, wo Serben nur in der Minderheit waren, sollten in einem einzigen unabhängigen Staats vereinigt werden.

Allein schon die Reise in die Unruheprovinz muss angesichts der im Vorfeld geäußerten Warnungen war mehr als bedenklich. Die Sicherheitsvorkehrungen und österreichischen Behörden erwiesen sich als amateurhaft und die Weiterfahrt des Konvois nach einem ersten Handgranatenanschlag muss als grobe Fahrlässigkeit bezeichnet werden.

 

Der australische Historiker Christopher Clark hat in seinem erst kürzlich erschienenen Werk die unheilvolle Entwicklung in den wichtigsten europäischen Staaten beschrieben. Ergründet wird als die wahren Kriegsursachen der Zeitgeist der Jahrzehnte vor 1914. Es war dies spätestens seit dem Krieg von 1870/71 eine Zeit des übersteigerten Nationalismus, der nach Karl Popper „ein Relikt eines ur-instinktiven Gefühls der Stammeszugehörigkeit, dominiert von Leidenschaft und Vorurteilen“ ist.  Mit anderen Worten: Das war und ist die Denkweise der Höhlenmenschen. Hinzu kam ein überbordender Militarismus, dessen soldatischen Verhaltensweisen auch zivile Handlungen bestimmten. In dieser Form verursacht der Militarismus zunächst Kriege und diktiert dann ihre rücksichtslose Durchführung. Bei näherem Hinsehen erkennen wir, wie schon fast zwangsläufig diese Theorien in die Praxis umgesetzt wurden.

 

Es hilft immer wieder, zu den historischen Fakten den Blickwinkel der Literatur zu nutzen. Erich Kästner beschreibt den bereits erwähnten Zeitgeist in seinen Versen aus dem Jahr 1928. Der Dichter meint kein bestimmtes Land. Die Persiflage könnte auf viele europäische Staaten der damaligen Zeit passen.

 

Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.
Und unsichtbare Helme trägt man dort.
Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.
Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort!

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will
- und es ist sein Beruf etwas zu wollen -
steht der Verstand erst stramm und zweitens still.
Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
und mit gezognem Scheitel auf die Welt.
Dort wird man nicht als Zivilist geboren.
Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein.
Es könnte glücklich sein und glücklich machen?
Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein
und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt´s dort dann und wann!
Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.
Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.
Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.
Was man auch baut - es werden stets Kasernen.
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

 

Sowohl der Dreibund, im Kern das Deutsche Reich und die K. und K.Monarchie wie auch Entende aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Russland strebten danach, Vorteile auf Kosten anderer Länder  zu erzielen und betrachteten es als ihre größte Sorge, dass die jeweils andere Seite durch das enorme Aufrüsten einem nicht mehr aufholbaren Vorteil erzielen könne. Wegen der Zeitbegrenzung, die ich mir auferlegt habe, beschränke ich mich auf Deutschland und Österreich-Ungarn und auch hier nur auf einige Streiflichter.

 

Beginnen wir, weil soeben von Sarajewo die Rede war, mit der K.und K-Monarchie. Allenthalben stellt man sich Kaiser Franz Joseph I. als gütigen Landesvater eines glücklichen Landes in der so genannten guten alten Zeit vor. Nichts davon trifft zu. Franz Joseph war ein pessimistischer, zeitweise zu Depressionen neigender Bürokrat, der am liebsten Akten studierte und Dekrete unterschrieb. Tief eingewurzelt war seine Scheu vor Entscheidungen, Reformen und Veränderungen und so präsentierte sich auch sein Vielvölkerstaat.

 

Auch sonst ist in der K. und K-Monarchie um das Jahr 1900 alles andere, nur keine „gute alte Zeit“ erkennbar.  Das Reich war in seine Volksgruppen tief gespalten; es herrschte nicht nur Abneigung, es herrschte tiefer Hass. Brigitte Hamann  nennt  in ihrem Sachbuch die Fakten. Die Alldeutsche Vereinigung unter Georg von Schönerer verlangte die totale Vorherrschaft der deutschsprachigen Bevölkerung, obwohl diese in der Monarchie in der Minderheit war. Sein Antisemitismus gipfelte im Jahr 1900 in einem Antrag im Parlament, für jeden „niedergemachten Juden“ von Seiten des Staates eine Prämie auszuloben.  Wer diesen Umtrieben nicht zustimmen wollte wurde al „Judenknecht“ diffamiert. Es war auch die große Zeit der Rassentheoretiker. Namhafte Wissenschaftler unterschieden ernsthaft zwischen „Herrenmenschen“ und „Untermenschen“ und stellten die Forderung auf, der Staat habe die Aufgabe, „die persönliche Freiheit für eine gesetzliche Zuchtwahl einzuengen“. Auch sonst glich der Reichsrat eher einem Kasperltheater denn einer ernsthaft arbeitenden Volksvertretung. Ein stellungsloser Postkartenmaler aus Oberösterreich, der seine Zeit im Männerwohnheim fristete, fand im Wien der Jahrhundertwende ein reich gedecktes Buffet vor, von dem er seine verbrecherische  politische Überzeugung speisen konnte, die er nach 1933 in brutalster Konsequenz umsetzte. Die sozialen Verhältnisse im Wien des frühen 20. Jahrhunderts waren unbeschreiblich. Eine ungebremste Immobilienspekulation und die damit einhergehende Teuerung führten dazu, dass sich auch in Vollzeit arbeitende Familienväter keine eigene Wohnung leisten konnten und die Nächte mit Frau und Kindern in unwürdigen Massenquartieren in den Vorstädten verbringen mussten.

 

Auch in der K. und K.-Monarchie erschien der Krieg als legales Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Einen besonders aggressiven Annexionismus vertrat Franz Graf Conrad von Hötzendorf, ab dem Jahr 1906 Chef des Generalstabs. Er forderte buchstäblich im Abstand von wenigen Wochen einen Präventionskrieg, was sogar dem alten Kaiser zu viel wurde. Nach dem Attentat von Sarajewo setzte sich Conrad logischerweise für einen sofortigen Angriff auf Serbien ein.

 

Nicht wesentlich anders war die Geisteshaltung im Deutschen Reich. Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall und zuletzt Reichspräsident betrachtete bereits als junger Soldat den „Krieg als den Normalfall für einen Soldaten“ und hatte sich auch ein interessantes Wortspiel zurecht gelegt, wonach „die Verteidigung weiblich, der Angriff jedoch männlich“ sei. Diesen Eindruck hatte auch Erzherzog Rudolf von Österreich, der sich im Jahr 1889 nicht nur wegen privater Probleme das Leben nahm,  nach einem Besuch in Berlin in Jahr 1888 gewonnen: „Man predigt von Berlin aus offiziell Frieden und zugleich bereitet man auch offiziell den gemeinschaftlichen Krieg vor. Es ist eine merkwürdige, ganz unklare Zeit.“

 

Da bezog er sich vielleicht auch auf Kaiser Wilhelm II. der in diesem „Dreikaiserjahr“ im Alter von nur 29 Jahren auf den Thron kam. Dieser Herrscher des Deutschen Reiches, man nannte ihn wegen seiner Spontanität hinter vorgehaltener Hand auch „Wilhelm den Plötzlichen“, pflegte eine ausgeprägte militaristische Einstellung und betrachtete den Krieg als legales Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Es gibt von ihm ein Gemälde von Max Koner aus dem Jahr 1890 in einer Pose, die ein französischer General mit den Worten kommentierte: „Das ist kein Porträt sondern eine Kriegserklärung.“ Wilhelm war, wie auch ein Diktator nach ihm, der Auffassung, Deutschland sei im Hinblick auf seine Bevölkerungszahl zu klein. Also müsse das Territorium vergrößert werden und zwar auf Kosten Frankreichs das über viele wenig besiedelte Gebiete verfüge. Bei einem Galadinier zur Feier von Wilhelms 45. Geburtstag im Januar 1904 in Berlin überraschte der Monarch den belgischen König Leopold mit der Ankündigung, dass er davon ausgehe, Belgien werde im Fall eines Krieges gegen Frankreich an der Seite des Deutschen Reiches stehen. Falls sich der Belgier dafür entscheide, versprach im Wilhelm neue Territorien in Nordfrankreich sowie  „den Glanz und die Pracht des alten Burgund“. Sollte sich Leopold jedoch wider Erwarten nicht entgegenkommend zeigen, sehe er sich gezwungen, Belgien zu besetzten, was dann letztlich auch geschah. Dem Vernehmen war Leopold über diese Äußerungen so aufgebracht, dass er beim Abschied seinen Helm verkehrt herum aufsetzte. Belgien sollte laut dem so genannten „Septemberprogramm“ von Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg zu einem deutschen Vasallenstaat herabsinken und Luxemburg ein deutsches  Bundesland werden. Einen besonderen Gewinn versprach man sich von der Schaffung einer Kolonie in Afrika, die sich vom Atlantik bis zum Indischen Ozean erstrecken sollte.

 

Aber auch die kleinen Leute versprachen sich von einem Krieg persönliche Gewinne. Lena Christ  beschreibt in ihrer unnachahmlichen Art in ihrem Erzählband „Unsere Bayern anno 14“ die ausgelassene Stimmung der angehenden Soldaten in den Zügen von Rosenheim nach München. Man stellte sich den Krieg offenbar wie eine Schlacht der Vergangenheit vor, Mann gegen Mann, so als gehobene Wirtshausrauferei: „Und d‘ Franzosenrammel muaß ma niederschlagn!“ Und dann kam man in den ersten industriell geführten Krieg. Meist bekam man den Gegner gar nicht zu Gesicht. Genau heute vor 100 Jahren tobte bei Verdun ein zehnmonatiger Stellungskrieg bei dem aus tausenden schweren Geschützrohren eine ganze Landschaft umgepflügt wurde und rund 800.000 Soldaten auf beiden Seiten zu Tode kamen. Die Geländegewinne waren kaum nennenswert, die Aussage von Generalstabschef Erich von Falkenhayn, Ziel sei es gewesen, „den Feind auszubluten“, eine glatte Ausrede.

 

In der Folge verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung in Deutschland. Neben einer kläglichen Ernte 1916 trugen auch die Verschärfung des U-Boot-Krieges und der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika zur Unterversorgung bei. Statt üblicher 2.500 Kilokalorien pro Tag sank die durchschnittliche Tagesration auf rund 1.000. Weil die Kohl- oder Steckrübe sich zum Hauptnahrungsmittel der Deutschen entwickelte wurde der Winter 1916/17 auch „Steckrübenwinter“ genannt.

 

Im Jahr 1917 mehrten sich im Reichstag die Bestrebungen, zu einem Verständigungsfrieden mit den Kriegsgegnern zu kommen. Die von den Abgeordneten Erzberger (Zentrum) , David, Ebert und Scheidemann (SPD) eingebrachte Friedensresolution erhielt im Parlament eine deutliche Mehrheit der genannten Parteien. Auch Papst Benedikt XV. wandte sich am 1. August 1917 in einer beschwörenden Friedensnote an die kriegsführenden Nationen „diesem fürchterlichen Morden das Europa entehrt“ ein Ende zu setzen. Doch der deutsche Reichskanzler  Georg Michaelis hielt die Friedensbemühungen  für „tot geboren“, was in diesem Zusammenhang übrigens eine interessante Wortschöpfung ist, und die führenden Militärs Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff, und Großadmiral Alfred von Tirpitz hingen noch immer der Idee von einem Siegfrieden an, den sie durch einen vor allem durch einen verstärkten U-Boot-Krieg zu erzielen glaubten. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg im April 1917 sahen die Kräfteverhältnisse weltweit jedoch eher ungünstig für die „Mittelmächte“ aus.

 

Eine besonders anrüchige Idee entwickelte Kaiser Wilhelm im November 1918 im Großen Hauptquartier in Spa. Er klammerte sich an einen letzten Hoffnungsanker, nämlich die Aussicht, mit Hilfe zuverlässiger Truppenteile nach Berlin zu marschieren und dort mit Waffengewalt die Revolution niederzuschlagen und die monarchische Ordnung wieder herzustellen. Wilhelm wollte also seinen Thron retten und nahm dafür einen Bürgerkrieg in Kauf in dem Deutsche auf Deutsche schießen würden. Das war selbst dem eingefleischten Monarchisten Paul von Hindenburg zu viel und er veranlasste die Abschiebung des uneinsichtigen Hohenzollnern in das niederländische Exil nach Doorn.

 

Der Reichstagsabgeordnete und spätere bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner schildert in seinem Buch „Die verratene Republik“ die dramatischen Tage im September und Oktober 1918 als der Krieg für die Mittelmächte offensichtlich verloren war. Hindenburg und Ludendorff forderten in Spa ein sofortiges Waffenstillstands- und Friedensgesuch. Um die Armee noch zu retten dürfe man keine 48 Stunden mehr warten. Dies hinderte die Oberste Heeresleitung aber nicht daran, auf der zweiten Ebene an einer Verschwörungstheorie zu stricken. Die einstmals so erfolgsverwöhnten Heeresführer vermochten es sich nicht einzugestehen, dass der Krieg auch durch ihre Fehlleistungen verlorengehen werde. So setzte die Oberste Heeresleitung unter von Hindenburg und Ludendorff die so genannte Dolchstoßlegende in die Welt. Eine Karikatur aus dem Jahr 1924 zeigt die Politiker Philipp Scheidemann (SPD) und Matthias Erzberger (Zentrum) wie sie die tapfer kämpfenden deutschen Frontsoldaten hinterrücks erdolchen. Dieser Mythos wurde von Adolf Hitler in seiner Propagandaschrift „Mein Kampf“ begierig aufgegriffen und antisemitisch aufgeladen. So war mit diesem unehrlich beendeten I. Weltkrieg der Keim für den nächsten, noch verheerenderen Weltenbrand gelegt, der nicht 17 sondern 55 Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

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