Heimatmuseum Vilsbiburg   ∙   Kröninger Hafnermuseum

11/19/12

Verleihung des Kulturpreises 2011 der Stadt Vilsbiburg am 14. November 2012 an Lambert Grasmann

Vilsbiburgs Bürgermeister Helmut Haider, das Ehrpaar Grasmann und der Laudator (von links) beim Fototermin.



Laudatio


Lieber Lambert, liebe Elfriede, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte Ehrengäste, festliche Versammlung,

heute ehrt die Stadt Vilsbiburg mit dem Kulturpreis einen Menschen, der sich in besonderer Weise um die bayerische Keramikforschung, insbesondere um die Sicherung des Wissens über das Kröninger Hafnerhandwerk verdient gemacht hat, wie aus der Einladung zum heutigen Festakt zu entnehmen ist. Und die Stadt tat gut daran, diese Ehrung zu beschließen. Ich werde dies in meinem Beitrag begründen.

Wobei an dieser Stelle zu ergänzen wäre, dass Lambert Grasmann in vielen Jahrzehnten nicht nur ideelle Werte gesammelt, sondern durch eine Aufstockung des Bestandes an Kröninger Hafnerkeramik im Heimatmuseum um den Faktor 20 ganz reale Kulturgüter in der Stadt Vilsbiburg versammelt hat. Doch dazu später noch ein wenig mehr.

Um die Bedeutung des von Lambert Grasmann erforschte Traditionshandwerks richtig zu erfassen helfen uns vielleicht einige kurze Episoden aus dem Kapitel “Vertrieb der Hafnerware”.

Vorhang auf! Spot an!

Nehmen wir als erstes das Mirakelbuch der Wallfahrt zur Lorettokapelle zu Angerbach zur Hand

“Antonius Maister, lediger Haffner Sohn zu Geiselberg, fahrete vergangenes Jahr 1764 den 15. May mit einem Hochenau Schiff so mit Haffner Geschier und anderen beladen, an Instrom aufwerths nach Thieroll. 2 Stund hinter Kopfstain aber, Reisser genannt, alwo gefährlich zu fahren ist, brache das Saill, an welches 5 Pferdt angespannt waren, in der Mitte ab, worauf er und alle andere nichts anderes glaubten kunten, als daß sye samt dem schiff in das Wasser versenckht werden. In diser eusseristen Noth verlobt sich Antonius Maister zu dieser wundertätthigen Gnadenmutter Maria mit einer heyligen Meß und Votiv Taffel, wornach dan sich das Schiff gegen den Gestatt gelendet, und alles ohne mindisten Schaden erhalten worden.”

Da erhebt sich die Frage: Was versprach sich der Hafnersohn aus Geiselberg von dem riskanten Unternehmen, mit seinem Fuhrwerk auf einen Treidelschiff den reißenden Inn aufwärts zu fahren? Nun, entweder wollte er zu einem Markt in Innsbruck oder von dort seine Fahrt über den Brenner nach Bozen fortsetzen und er musste auf der Suche nach weit entfernten Absatzgebieten diese Risiken eingehen.

Schicken wir den nächsten Spot in die Matrikel der Pfarrei Kirchberg. Dort hat am 20. September 1894 der Geschirrhändler Anton Bräuhauser aus Mallersricht im Bezirksamt Neustadt an der Waldnaab die Maria Sperl aus Salzburghofen bei Laufen geheiratet.

Da kamen also Kraxenträger und Karrenzieher über weite Strecken und, wie das Matrikelbuch weiter aussagt, auch in großer Zahl in das Kröninger Hafnergebiet zum Abholen der Ware. Und weil die begehrten Produkte oft noch nicht fertig waren, hatten die Händler vielfach Zeit, ihr familiäres Umfeld neu zu ordnen.

Beleuchten wir noch einmal die früher wichtigsten Vertriebsform, die zahlreichen Märkte. Belegt ist, dass über einen längeren Zeitraum zu den verschiedenen Dulten in München niederbayerisches Geschirr angeboten wurde. Blicken wir exemplarisch auf das Jahr 1736, als bis zu 43 Kröninger Hafner, also fast die Hälfte aller Betriebe die Münchner Märkte besucht haben. Die Residenzstadt mit ihren damals rund 30.000 Einwohner wurde vom der Hafnerware aus dem Kröning geradezu überschwemmt und die bürgerlichen Hafner in München wehrten sich vehement gegen die geschäftsschädigende Konkurrenz. Ebenso lakonisch wie selbstbewusst entgegneten die Kröninger Hafner in dieser Streitsache, die Münchner Hafner seien nicht im Stande “dergleichen Hafner Geschier wie das unserige in der Gütte zu machen”. Dieser Konflikt war beileibe nicht der einzige, den die Kröninger mit ihren Münchner Kollegen zu bestehen hatten. Über viele Seiten berichtet Lambert Grasmann in seinem Standardwerk von Streitfällen auf den Märkten in München und in anderen Städten – aber ebenso umfangreich von den Geschirrlieferungen an den kurfürstlichen Hof zu München.

Warum dieser ganze Stress auf den gefährlichen und beschwerlichen Transportwegen und mit der Missgunst auf fast allen Märkten zwischen Augsburg und Linz, zwischen Regensburg und Bozen?

Die Produktion der zahlreichen Werkstätten auf dem Kröning und an der Bina hatte einen derart hohen Ausstoß an Irdenware, der weit über den Bedarf des engeren Einzugsgebietes hinausging. Also mussten sich die Hafner ihre Kundschaft an weit entfernten Orten suchen und sie fanden sie auch, weil, wie wir schon gehört haben, die anderen Berufskollegen nicht die Qualität der Kröninger Keramik erreichten, sowohl optisch wie auch funktionell. Aus dem allen dürfen wir durchaus schließen: Dieses Handwerk war keine beschauliche Feierabendbeschäftigung, bei der man nette Geschichten erzählte, lustige Liedlein sang und dabei auch immer wieder mal ein Haferl drehte. Nein: Es war ein knallhartes und lange Zeit gut organisiertes Gewerbe und man übertreibt nicht, wenn man die Kröninger Hafner als die Markführer in den beschriebenen Ländern bezeichnet.

Warum wissen wir das alles? Warum dürfen wir uns mit großem Respekt an dieses traditionsreiche Handwerk und die Hafner auf dem Kröning und an der Bina erinnern?

Weil vor rund 40 Jahren ein junger Postbeamter unheilbar von dem Keramik-Virus befallen wurde. Infiziert hat ihn Paul Stieber, der Leiter des Deutschen Hafnerarchivs unter tätiger Mithilfe von Dr. Ingolf Bauer, der 1968 im Bayerischen Nationalmuseum maßgeblich für die Sonderausstellung “Hafnergeschirr aus Altbayern” verantwortlich war. Dazu suchte man Leute, die entsprechende Keramik besaßen oder mit ihr zu tun hatten. Lambert Grasmann wusste über den Bestand von etwa 100 Exponaten im damaligen recht überschaubaren Vilsbiburger Heimatmuseum Bescheid und meldete sich. Aus seiner Sicht, wie er heute nicht mit vollem Ernst behaupten “unvorsichtigerweise” aus unser aller Sicht: zum Glück.

Professor Dr. Walter Hartinger schrieb dazu später einmal:

“Das Gespann Stieber-Bauer mit seinen Mitstreitern hat die künftige Keramikforschung auf neue Wege gebracht, eine systematische, teilweise auch naturwissenschaftliche Sicht der Objekte etabliert statt der vorherrschenden
ästhetischen Würdigung und damit den Weg bereitet für neue Zuweisungen
bisherigen heimatlosen Sammlungsgutes in den Museen, aber auch für neue Präsentationsformen und Ausstellungstechniken.”

Dieser schön gedrechselte Satz drückt viel über die Aufbruchsstimmung aus, die vor mehr als vier Jahrzehnten die Keramikforscher ergriffen hat (“Die Zeit der Rauschebärte ist vorbei!”) Aber er sagt nichts dazu, wie man mit dieser neuen Herangehensweise zu greifbaren Ergebnissen kommen konnte. Da musste schon jeder den Acker für seine Feldforschung selbst abstecken. Der Kröning und das Gebiet an der Bina lagen ja gewissermaßen vor Grasmanns Haustür und die letzten Hafner waren noch am Leben.

Jetzt kommt etwas, was vielen, meist jüngeren Zeitgenossen vielleicht höchst ungewöhnlich erscheinen mag: Lambert Grasmann machte sich
 aus eigenem Antrieb,
 ohne Forschungsauftrag von irgendeiner Stelle und damit auch
 ohne jegliche Honorarvereinbarung auf, diese Terra incognita für die Forschung zu erschließen. Ich gebe zu: Völliges Neuland war das Kröninger Hafnerhandwerk. Es gab ja den Bartholomäus Spirkner, weiland Pfarrer von Kirchberg, der vieles aufgeschrieben und gesammelt hatte und es gab noch lebende Hafner: die Brüder Zettl beim “Uiderl” in Bödldorf und den “Gang” in Onersdorf; mit bürgerlichem Namen Alois Kaspar.

Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass die knorrigen Alten geradezu auf ihrer Hoagartnbank darauf warteten, bis ein Fremder kommt, um sie mit Fragen zu traktieren. Eine ausgeprägte Zurückhaltung musste da zunächst überwunden werden und weil heute die Weihnachtszeit nicht mehr weit ist, darf ich vielleicht einen Vierzeiler aus Ludwig Thomas “Heilige Nacht” ein wenig abwandeln, um den möglichen Argwohn der Kröninger Hafner bildlich zu machen:

»A Forscher is er, hot a g'sagt ...«
»Wos Forscher? A sella, der kimmt
Und 's Sach na bei'n Haus außi tragt
Und selba nix hot und grad nimmt!

Natürlich waren die letzten Hafner auf dem Kröning keine felsenharten Bethlehemiten und so konnte Lambert Grasmann schon das eine oder andere Stück “bei’n Haus außi trogn” und in den Bestand des Vilsbiburger Museums aufnehmen. Aber bis dahin war noch ein weiter Weg. Zunächst ging es um das Wissen: um die Organisation des Handwerks, die Herkunft und Beschaffenheit des Rohstoffs Ton, um die Arbeit in den Werkstätten, um den Vertrieb und die mundartlich in der Arbeitswelt der Hafner benutzten Ausdrücke.

Damit diese wichtigen Informationen, die sonst mit den Tod der letzten Vertreter ihres Handwerks unerbittlich im Dunkel der Geschichte verschwunden wären, für die Nachwelt gerettet werden konnten, war über den Zeitraum eines guten Jahrzehnts wöchentlich mindestens ein Besuch im Kröning und an der Bina erforderlich. Es bedarf nur wenig Phantasie um sich auszumalen, welch enorme Belastung dieser selbst gestellte Forschungsauftrag neben einer Vollzeitstelle bei der Deutschen Bundespost und neben den Verpflichtungen als Ehemann und Vater mit sich brachte. Daher erscheint es unerlässlich, in den heute sicher mehrfach ausgesprochenen Dank auch die gesamte Familie mit einzubeziehen und dies durch einen Applaus zu dokumentieren.

Was haben nun die vielen zurückgelegten Kilometer, die stundenlangen Gespräche  gebracht?

Der Kröning und die Bina gehören heute zu den am besten erforschten Keramiklandschaften überhaupt. So richtig bewusst wurden uns dessen erst, als wir einmal über den Gartenzaun hinausschauten, um dem Peterskirchener Steinzeug eine Sonderausstellung zu widmen. Warum dieses Wissen so wichtig in der heutigen modernen Zeit ist, werde ich noch am Schluss kurz aufzeigen.

Die Informationen wurden natürlich akribisch gespeichert und sind jederzeit nachlesbar in verschiedenen Publikationen. Die keramische Bibliografie von Lambert Grasmann beginnt bereits im Jahr 1975, als im “Storchenturm”, Heft 20 ein erster Beitrag mit dem Titel “Hafnerorte im Bereich des Kröninger Hafnerhandwerks” erschien. In der Folge können in fast 50 Veröffentlichungen die verschiedensten Teilaspekte der Keramikforschung nachgeschlagen und weiterverwertet werden. Erster Höhepunkt war das 1978 im Pustet-Verlag erschienene Buch “Kröninger Hafnerei”, das jedoch neben dem 2010 vom Attenkofer-Verlag in Straubing herausgegebene Standardwerk “Die Hafner auf dem Kröning und an der Bina” dann doch etwas schmalbrüstig daherkommt. In seinem vorläufig letzten Buch hat der Autor auf mehr als 400 Seiten all das bisher auf viele Publikationen verteilte Wissen gebündelt, mit neuesten Forschungen und vielen meist farbigen Abbildungen angereichert.

Lambert Grasmann hat die erworbenen Erkenntnisse nie als Herrschaftswissen betrachtet, sondern andere daran teilhaben lassen. Nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museumsteams profitieren davon, auch die Teilnehmer der internationalen Hafnersymposien, an denen der Museumsleiter über viele Jahre hinweg teilnahm.

Und was hat er dann so alles “bei’n Haus außi trogn”?
Wie ich anfangs erwähnte, waren im Heimatmuseum der 1960er Jahre etwa 100 keramische Objekte vorhanden. Der heute Bestand in der größten Abteilung dieser Art überhaupt, die der Kultureinrichtung auch den Namen “Kröninger Hafnermuseum” gab, umfasst allein 900 Exponate; hinzu kommen umfangreiche Depots im Rückgebäude und bis hoch hinauf in den Stadtturm. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Der Keramikforscher Lambert Grasmann hast die Bestände um das 20fache erhöht. Freilich stifteten die Kröninger Hafner nicht alle der nun vorhandenen rund 2.000 Stücke; das wäre zu viel verlangt. Sehr vieles wurde auch in all den Jahren aus Mitteln der Benedikt-Auer-Stiftung und des Heimatvereins erworben. Dabei waren nun nicht mehr nur die schönen, erhabenen Dinge wichtig, wie prunkvolle Ofenkacheln oder mächtige Wasservorratsbehälter, sondern das einfache Geschirr aus dem Alltagsleben der Menschen, die Bauernschüssel oder der “Milchweidling”. Hinzu kamen erstmals auch die Arbeitsgeräte der Hafner, die bei der Hartinger angesprochenen rein ästhetischen Betrachtungsweise völlig durchgefallen wären. Natürlich können ein Glasurfass aus Holz oder ein schlichter Haferldraht nicht mit besonderer Anmut beeindrucken. Aber ihre Bedeutung für das Verständnis der Arbeitsabläufe in den Werkstätten und damit ihre volkskundliche Einordnung sind von ungeahnter Bedeutung.

Es ist klar, dass man nicht nur Wissen und Gegenstände anhäufen kann, ohne sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Über die Publikationen habe ich schon gesprochen, aber die Öffentlichkeit will die Dinge auch in Natura sehen. Schon im Jahr 1973 wurde durch die großzügige, von Bürgermeister Josef Billinger und seinem Stadtrat ermöglichte Erweiterung des Heimatmuseums von drei Zimmern auf drei Stockwerke eine neue Kröninger Abteilung vollendet und sie war schon damals ein Solitär in der Museumslandschaft. In der Zeit um das Jahr 2000 hat die Stadt das ehemalige Spitalgebäude grundlegend saniert. Damit verbunden war die komplette Räumung aller Ausstellungen und ihre anschließender Wiederaufstellung unter den neuesten museumsdidaktischen Gesichtspunkten. Das Konzept dafür und für die übersichtliche grafische Aufbereitung stammt von Lambert Grasmann und er hat die Sammlungen zusammen mit den eifrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museumsteams mit erstaunlichem Engagement in der jetzigen Form aufgestellt. Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern sprach seinerzeit davon, dass allein durch diese ehrenamtliche Arbeit für die Öffentlichkeit im Mittelbereich Vilsbiburg ein Mehrwert in von rund einer Million Mark geschaffen wurde.

Im Jahr 2005 bekam schließlich ein wichtiges Thema der Keramikforschung, die Produktion von Dach- und Mauerziegeln im Vilsbiburger Land eine eigene Abteilung in unserem Museum. Damit ist auch der historische Hintergrund der Städtepartnerschaft zwischen Buja und Vilsbiburg, die durch eine Sonderausstellung im Jahr 1997 in die Wege geleitet wurde, dauerhaft dokumentiert.

Vor knapp zehn Jahren rückte auch die Feldforschung bei den archäologischen Ausgrabungen in dem alten Hafnerhaushaus “beim Girngmann” in Kleinbettenrain in Kleinbettenrain wieder in den Mittelpunkt. Hoffen wir alle, dass sich im Gegensatz zu seiner Vorgängerin beim neuen Landrat des Landkreises Rottal-Inn die Überzeugung durchsetzt, dass der Kröning zu Niederbayern gehört und das Objekt somit ohne Bedenken baldmöglichst in das niederbayerische Freilichtmuseum nach Massing transloziert werden kann.

Die von der Kröninger Hafnerei ausgehende Faszination konnten wir beim Tag des offenen Denkmals im Jahr 2006 ermessen, als sich in dem beschaulichen Hafnerort Bödldorf rund 1.000 Besucher drängten und mit ihrem Interesse an den historischen Zusammenhängen zusätzliche Führungen erzwangen.

Doch damit noch nicht genug. Teilaspekte aus der Keramikforschung präsentierte das Museumsteam mit Lambert Grasmann an der Spitze zusätzlich in Sonderausstellungen. Aus der mehr als 40 Positionen umfassenden Liste dieser jährlichen Anlässe seien diese nur kurz herausgegriffen:


 1977: Kröninger Hafnerware
 1981: Backmodel aus bäuerlichen und bürgerlichen Haushalten
 1982: Ofenkacheln aus dem Kröninger Umfeld
 1984: Keramische Raritäten aus dem Kröning    
 1987: Die Tonvotive von St. Theobald in Geisenhausen
 1990: Beim “Uiderl” in Bödldorf – eine Kröninger Hafnerei
 1997: Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburg Land
 2005: Steinzeug aus Niederbayern : Peterskirchen im Rottal
 2005: Ausgrabungen in Kröninger Hafnerhäusern – Kleinbettenrain und Hub
 2007: Unbekanntes Kröning – Raritäten aus dem Depot des Kröninger Hafnermuseums

Hoch anrechnen muss man Lambert Grasmann über alle Verdienste hinaus aber auch, dass er das Kröninger Hafnerhandwerk nie idealisiert hat, zu keiner Zeit auf der Suche nach der nie stattgefundenen so genannten guten alten Zeit unterwegs war. Er benennt neben den oft negativen Vorkommnissen beim Vertrieb auch andere Schattenseiten, wie die ehedem überall übliche Kinderarbeit und der problematische Umgang mit den bleihaltigen Glasuren, der nicht nur zu einer typischen Berufskrankheit der Hafner führte, sondern am Ende auch zum Niedergang des Gewerbes beitrug.

Und an dieser Stelle wird die Geschichte des Hafnerhandwerks auf dem Kröning und an der Bina für uns im 21. Jahrhundert plötzlich ganz modern und hochspannend.

“Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen!”
Dieses Zitat von George Santayana, das wir bisher immer nur vor dem Hintergrund kriegslüsterner Feldherren gesehen haben, bekommt plötzlich für unser aller ganz normalen Alltag eine völlig neue Aktualität.

Das Handwerk geriet am Ende des 19. Jahrhunderts von verschiedenen Seiten in arge Bedrängnis;  die Problematik der Bleigesetzgebung habe ich bereits genannt. Plötzlich waren bisher millionenfach hergestellte Erzeugnisse wie der Milchweidling nicht mehr gefragt. Plötzlich drängten in der Folge neuer Transportmöglichkeiten Produkte aus fernen Gebieten, wie das sächsische Braungeschirr auf den heimischen Markt. Und zu allem Überfluss beraubte ein mutwillig vom Zaun gebrochener Krieg die Werkstätten ihrer wichtigen Nachwuchskräfte.

Wie reagierten die Hafner auf die neuen Herausforderungen? Hauptsächlich in beharrenden Verhaltensmustern, die sich heute vielleicht mit folgenden Killerphrasen umschreiben ließe:

 Des hamma scho oiwei a so gemacht!
 Wo kam ma denn do hi?
 Do kunnt ja a jeder kemma?

Was dabei logischerweise vernachlässigt wurde, waren die auch heute unverändert aktuellen Notwendigkeiten:

 Innovation – Die Bemühungen um bleifreie Glasuren bleiben im Versuchsstadium stecken.
 Weiterbildung – Ein Besuch der Keramischen Fachschule in Landshut war verpönt, ja wäre sogar als Verrat an den alten Traditionen gewertet worden. Als Benno Zettl einmal einen Kursus belegte, durften noch nicht einmal die eigenen Familienmitglieder davon erfahren.
 Kooperation – Der Versuch, die verbliebenen Kräfte im Jahr 1903 in einer Hafnerrohstoff-Genossenschaft zu bündeln war zum Scheitern verurteilt. Pfarrer Bartholomäus Spirkner benannte auch schonungslos die Gründe: “Den Geist der Uneinigkeit, der Eigenbrötelei und der ungeordneten Selbstliebe konnte leider auch die Genossenschaft nicht bannen.”

Es herrschte also kein kreatives Milieu mehr auf dem Kröning und an der Bina mit der logischen Folge, dass um 1930 Sebastian Eder in Jesendorf ein letztes Mal seinen Brennofen füllte. Nahezu jede der Lehren aus dem traurigen Ende eines einst so stolzen Handwerks können wir heute 1 : 1 auf die schwierigen Aufgabenstellungen der heutigen, globalisierten Wirtschaftsordnung übertragen.

So gesehen kommen die Forschungen eines heute mit dem Kulturpreis der Stadt Vilsbiburg ausgezeichneten Keramikforschers auf einmal nicht mehr nur als liebenswerte Freizeitbeschäftigung eines emsigen Forschers, sondern wie die gesamte Geschichtsforschung als eminent wichtige Daseinsvorsorge für unsere Gesellschaft daher.

Was könnte sich so ein Preisträger eigentlich wünschen?

 Dass die hohe Bedeutung des Hafnerhandwerks auf dem Kröning und an der Bina weiterhin nicht nur in den betroffenen Gemeinden, sondern im gesamten Vilsbiburger Land und darüber hinaus angemessen gewürdigt wird.

 Dass die Forschung und das Sammeln nicht abreißen mögen. Auch wenn man meinen könnte, nach dem vor zwei Jahren erschienenen blauen Band gäbe es nichts mehr zu schreiben, vermute ich mal, dass in irgendwelchen Archiven noch nicht gehobenen Schätze schlummern könnten. Und auch bei einem Sammlungsstand von mehr als 2.000 Exemplaren gibt es immer noch interessante Objekte, die man aus irgendwelchen Häusern “außi trogn” kann und in den Bestand des Kröninger Schwerpunktmuseums eingliedern.

 Und dass es eine Rettung für die Heimat der wichtigsten Informanten unseres Preisträgers gibt. Ich meine das denkmalgeschützte Anwesen beim “Uiderl” in Bödldorf, aus dem der letzte lebende Hafner im Jahr 1990 herausgestorben ist. Dieses ehrwürdige Hafnerhaus zum Andenken an ein stolzes Handwerk zu erhalten, das den Namen Kröning über Jahrhunderte hinweg in vieler Herren Länder getragen hat, müsste ein wichtiges Anliegen einer kreativen Öffentlichkeit sein.

Gratulieren wir also unserem Preisträger von Herzen für seine Begeisterungsfähigkeit, seinen langen Atem, mit dem er unschätzbare ideelle und materielle Werte in jahrzehntelanger Kleinarbeit für die Allgemeinheit gesichert hat. Möge das Feuer in ihm weiterbrennen, damit wir noch viele wichtige Exponate in unseren Kröninger Hafnermuseum konzentrieren können und noch Vieles aus den Höhen und Tiefen eines Gewerbes lernen können, was uns auf die heutige Zeit übertragen bei den alltäglichen Entscheidungen hilft, die richtigen Wege zu gehen.


Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Geduld!


Peter Barteit
Vorsitzender des
Heimatvereins Vilsbiburg e.V.
und Kreisheimatpfleger

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