Heimatmuseum Vilsbiburg   ∙   Kröninger Hafnermuseum

Vortrag beim Heimatverein in Vilsbiburg vom 27.03.2012 „Auswirkungen der so genannten Landshuter Bauschule auf die Kirchen im Vilsbiburger Land„ von Martina Außermeier M.A.


Die so genannte Landshuter Bauschule als Überbegriff für die spätgotischen Kirchen in der Landshuter Region begegnet uns immer wieder in regionaler und überregionaler Literatur und soll dabei wohl einen kategorisierenden Charakter haben. Auch die Kirchen in und um Vilsbiburg, die im 15. Jahrhundert gebaut wurden, werden unter diesem Begriff geführt. In meinem Vortrag heute werde ich zunächst auf die Bauten der Vilsbiburger Kirchen, vor allem die Pfarrkirche, aber auch die Spitalkirche, eingehen, um später, bei einer Betrachtung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu St. Martin in Landshut den Begriff der Bauschule zu hinterfragen.
Zunächst aber eine kurze Einführung in die Zeit des ausgehenden Mittelalters: Das 15. Jahrhundert war eine wichtige Zeit in der Landshuter Region. Seit 1392 existiert das Herzogtum Bayern-Landshut mit Landshut als Residenzstadt. Das Herzogtum wird von den reichen Herzögen regiert und wie der Name schon sagt, waren diese vor allem durch Heinrich, den ersten der reichen Herzöge sehr wohlhabend und genossen auch auf Reichsebene großen Einfluss. Heinrich hatte durch geschickte und manchmal auch durch recht rücksichtslose Politik einen großen Schatz angehäuft. Dadurch war es auch möglich, dass die Stadt Landshut, 1204 gegründet, bereits seit Beginn des Jahrhunderts eine rege Bautätigkeit aufweisen kann: St. Martin ab 1385, Hl. Geist ab 1407, umfassende Arbeiten an St. Jodok zu ähnlicher Zeit. Der Bau der Landkirchen setzt dann allerdings im Allgemeinen erst später ein. Ab den 1450/60er Jahren ist hier eine rege Bautätigkeit zu beobachten. Nur an wenigen Orten wird früher gebaut, so in Vilsbiburg: Die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, hier wird der Chor bereits 1413 geweiht, auch der Bau der Spitalkirche hat zu Beginn des Jahrhunderts begonnen.
Das 15. Jahrhundert ist aber auch die Zeit der Spätgotik: Kurz zum Begriff der Spätgotik Die Spätgotik stellt einen eigenen Epochenbegriff dar und im Gegensatz zur Hochgotik wurde nun nicht mehr nur die Vertikale, sondern auch die Horizontale an den Architekturen betont, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Höhe und Breite anzustreben. Außerdem war man bemüht, eine Einheit des Raums1 zu erzielen, indem man möglichst wenige separate Anbauten schuf. So nutzte man z. B. die Turmhalle gleichzeitig als Vorhalle der Kirche oder wenn der Turm am Chor ansetzte, hatte das Untergeschoss die Funktion einer Sakristei. Zudem gewann die Mauer wieder an Fläche: die Fenster wurden im Gegensatz zur Hochgotik wieder kleiner und die Wandfläche dazwischen wurde größer. Um die äußere Wand zu strukturieren setzte man u. a. Gesimse, Strebewerk, Lisenen oder Blendarkarden ein. Der Innenraum spätgotischer Kirchen ist meist von beeindruckenden Gewölberippen-figurationen geprägt, auch Konsolen und Dienste, die zur Aufnahme der Gewölberippen an den Wänden ansetzen und deren Fläche im Innenraum gliedern, gewannen an Bedeutung.
1 Zum Einheitsgedanken: Gerstenberg, Kurt, Deutsche Sondergotik, Darmstadt2 1969.
Die deutsche Spätgotik kann zeitlich zwischen 1350-1500 angesetzt werden und somit fällt sie zeitlich mit der Regentschaft der reichen Herzöge zusammen. So ist es auch nachvollziehbar, warum die Landshuter Gegend so viele spätgotische Bauten aufweisen kann. Gebaut wird dann, wenn genügend Geld vorhanden ist. Außerdem können die Kirchenbauten auch als Indiz der Herrschaftssicherung gesehen werden. Sicherlich haben die Herzöge die Kirchen nicht allein finanziert, ein Großteil der Baulast lag wohl bei den Pfarreien sowie bei Bürgern und Bruderschaften, eine Beteiligung der Herzöge darf aber nicht außer Acht gelassen werden.
Nun wenden wir uns Vilsbiburg zu: Kurz zur Geschichte der Stadt bzw. des Marktes: eine Festung Biburg wird erstmals um 1000 urkundlich erwähnt, 1230 übernimmt der niederbayerische Herzog den ehemals gräflichen Besitz und legt einen landesherrlichen Straßenmarkt an, 1265 ist das erste Mal von einer Kirche in Vilsbiburg die Rede und 1337 taucht der Begriff der Pfarrei Vilsbiburg in den Urkunden auf. Die heutige Pfarrkirche liegt außerhalb des Straßenmarktes, was auf den Brand von 1366 zurückzuführen ist, vorher war wohl innerhalb der befestigten Stadt eine Kirche, die weitgehend zerstört wurde, deshalb entschloss man sich für einen Neubau.
Noch vor dem Neubau, 1372 wurde die Pfarrei und Kirche Vilsbiburg dem Benediktinerkloster St. Veit bei Neumarkt an der Rott inkorporiert2, Herzog Friedrich schenkt dem Konvent die Kirche mit allen Rechten
(u. a. das Präsentationsrecht) und Besitzungen.
Finanziert wurde der Bau sicherlich zu einem großen Teil durch die Herzöge (Verweis auf die Schlusssteine im Chor, auch Peter Käser3 hat darauf bereits hingewiesen), aber auch Stiftungen über Kapellen sind überliefert, so wird im Pfarrarchiv eine Urkunde vom 7. Mai 14224 aufbewahrt, sie belegt die Stiftung einer Messe mit dem Benefizium auf den Stephansaltar durch die Bäckerzunft.
So war 1422 der Bau bereits bis zum Langhaus fortgeschritten, geweiht wurde der Bau bereits 14135 (Weihe von sieben Altären), also ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt der Chor fertig war, über den weiteren Fortgang der Arbeiten ist nichts bekannt, keine Pläne, keine Abrechnungen, wohl zog sich aber die Vollendung des Turms bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hin.
Zur Kirche selbst: Die Pfarrkirche zeigt sich heute im regotisiertem Zustand, ehemals war sie mit Putz versehen, die Fenster wurden verändert, auch im Inneren haben erhebliche Eingriffe stattgefunden, in den Seitenkapellen sind kaum mehr spätgotische Rippen an den Gewölben erhalten und auch die Empore wurde im 19. Jahrhundert verändert (sie wurde über die Seitenschiffe hin erweitert und ihre Brüstung mit zusätzlichem neugotischen Zierwerk versehen). Spätgotische Sakristeien im Norden und Süden werden jeweils im Osten von neuzeitlichen Annexbauten begleitet, die wiederum durch den Chorumgang, der im 19. Jahrhundert gebaut wurde, miteinander verbunden sind.
2
Vgl. Hör, Hellmut, Die Urkunden des Klosters St. Veit 1121-1450. München 1960, Nr. 109, S. 102.
3
Käser, Peter, Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Vilsbiburg, Vilsbiburg 2006.
4
PfAV, Stiftungsurkunde vom 7. Mai 1422.
5
AHV, Repertorium des churfürstlichen Marktes Vilsbiburg von 1753: auf S. 388 wird eine Urkunde genannt, die im Zechschrein der Pfarrkirche aufbewahrt wurde, heute nicht mehr erhalten.
Der Außenbau zeigt ein Backsteinmauerwerk, wobei Langhaus und Chor unter einem Dach vereint sind, nur das Dach über die Seitenschiffe hebt sich davon ab, der mittig ausspringende Turm wirkt gegenüber der Kirche hoch und wuchtig. Das Langhaus wird vertikal durch kräftige Strebepfeiler gegliedert, im unteren Bereich sind zwischen die Strebepfeiler Seitenkapellen eingesetzt, hier sind die Fenster auch breiter. Am Chor finden sich ebenfalls kräftige Pfeiler, heute verändert der bereits erwähnte Chorumgang den ursprünglichen Eindruck. Der Westturm (Westturm im Landshuter Raum eine Besonderheit, Mehrzahl der Türme sind Chortürme) erhebt sich über quadratischem Grundriss, er besitzt fünf Stockwerke, zwei quadratische, oben drei Achtecksstockwerke, wobei das obere eine barocke Ergänzung gemeinsam mit der Zwiebel ist, ehemals wurde der Turm mit einer Helmspitze abgeschlossen. Im Erdgeschoss befinden sich zwei Portale, im Norden und Süden, die Turmhalle ist gleichzeitig Vorhalle der Kirche und das Gewölbe der Turmhalle ist mit einem aufwendigen Achtrautenstern versehen. Der Turm zeigt außen eine Stockwerkeseinteilung durch Gesimse, die unteren Stockwerke werden von Eckstreben begleitet, die teils übereck gestellt sind, der Übergang zum Oktogon bemerkenswert: hier befinden sich rechteckige Eckstreben zusammen mit Dreieckslisenen, um zwischen den Formen zu vermitteln.
Zum Innenraum: der Bau ist eine dreischiffige Hallenkirche, der Chor ist genau breit und hoch wie das Mittelschiff, wird aber von einem Chorbogen gegenüber diesem abgegrenzt, der Chor besitzt zwei Joche und schließt mit 5 Seiten des Achtecks ab. Das Langhaus erstreckt sich über fünf Joche, wobei das westliche Joch von der unterwölbten Empore eingenommen wird. Die Seitenschiffe werden auf jeder Seiten von vier Kapellen begleitet, im 4. Joch befinden sich anstelle der Kapellen Portale, wobei das Nordportal einen neuzeitige Ergänzung ist, das Südportal von außen sehen sie hier: die gekehlte, spitzbogige Laibung und das Gewölbe samt Konsolen sind spätgotisch, der auffällige Kielbogen über dem Portal ist eine neugotische Ergänzung. Der Zugang zur Kirche ist außerdem über die Turmhalle, von Norden und von Süden her, möglich. Die Portale sind hier ebenfalls spitzbogig und mit gekehlten Laibungen. Die Wände des Chors werden durch schlanke, spitzbogige Fenster sowie durch rechteckige Wandpfeiler gegliedert, auf den Wandpfeilern sind profilierte Halbkreiskonsolen angebracht, um die Rippen aufzunehmen, teils sind sie mit Wappenschilden versehen. Das Gewölbe zeigt eine Rautennetzfiguration und runde Schlusssteine in den Scheitelpunkten, ebensolche finden sich an den östlichen Rippenkreuzungen. Zum Langhaus: das Mittelschiff ist doppelt so breit wie die Seitenschiffe, und zudem ist das Mittelschiff gegenüber den Seitenschiffen deutlich überhöht (Verweis: Staffelhalle), die Schiffe werden durch breit gestellte, kräftige, an den Kanten abgeschrägte Rechteckspfeiler getrennt, an der Innen und Außenseite der Pfeiler sind Halbrunddienste zur Aufnahme der Rippen mit profilierten Halbkapitellen angebracht. Das Gewölbe präsentiert sich mit einer prächtigen Rippenfiguration, einer sog. Wechselbergerfiguration, runde Schlusssteine befinden sich im Scheitel des Gewölbes. Die Empore befindet sich im Westen des Kirchenraums und erstreckt sich heute über alle drei Schiffe, sie ist unterwölbt und ruht im Mittelschiff auf zwei mit Kämpfern und Wappenschilden versehenen Pfeilern, Die Frontseite und die Brüstung der Empore ist mit Maßwerk reich verziert.
In den Seitenschiffen sind dieselben Dienste und Kapitelle, im Gewölbe finden wir hier Rippen in der Anordnung von Vierrautensternen. Wie bereits erwähnt sind nur wenige spätgotische Elemente in den Seitenkapellen erhalten: hier Beispiele für Gewölbe und Kopfkonsolen in den noch spätgotischen Seitenkapellen im nördlichen Seitenschiff.
Zur Spitalkirche zur Hl. Dreifaltigkeit
Es handelt sich hier um eine kleine spätgotische Anlage aus der ersten Hälfte des
15. Jahrhunderts, die Kirche stand bereits als Katharinenkirche, bevor 1476 das Spital gestiftet wurde. Von einer Abbildung eines Grabsteins, der sich früher in der Spitalkirche befunden hat, erfahren wir, dass Ulrich Hackh der Stifter der Kirche St. Katharina, 14066 gestorben ist. Demzufolge war die Kirche um 1406 im Bau, vielleicht auch schon fertig gestellt. Der Turm scheint indessen gleichzeitig mit dem Spital errichtet worden zu sein, da sich an seiner Südseite das Westendorferwappen in gleicher Ausführung wie am Spitalsgiebel befindet und Caspar Westendorfer als Stifter des Spitals überliefert ist (Seit 1459 als Pfarrer von St. Jodok in Landshut belegt). Umfassendere Eingriffe haben vermutlich zur selben Zeit auch in der Spitalkirche stattgefunden.
Kurz zur Beschreibung der Kirche: Vom Außenbau der Spitalkirche ist für den Betrachter heute nur mehr wenig zu sehen. Mit dem Anbau des Spitals verschwanden viele Bauteile der Kirche im Inneren. Auch vom ehemaligen Dach des Chors sowie des Langhauses ist heute nichts mehr erhalten. Vom Stadtplatz aus verraten lediglich der Turm und die leicht hervortretende Ostseite der Choraußenwand die Existenz einer Kirche. Schwache Dreiecksstreben befinden sich an den Ecken der Choraußenwand. An der ehemaligen südlichen Choraußenmauer, die heute vom Museum aus zu sehen ist, befindet sich noch ein Teil des mit Maßwerk bemalten Frieses, das sich unterhalb des Daches um den Chor, vielleicht auch um die gesamte Kirche zog. (Vergleich: Herrnfelden) Die Nordmauer der Kirche lehnt sich direkt an die alte Ringmauer der ehemaligen Stadtbefestigung an, diese sowie die Westmauer sind ungegliedert, die Westmauer wird lediglich von vermutlich neugotischen Fenstern durchbrochen. Der Turm hat einen ungegliederten, quadratischen Unterbau, der mit einem schwachen Gesims und leerem Fries sowie Eckaufsätzen abschließt, der achteckige Oberbau hat zwei Geschosse, die durch schwache Gesimse getrennt werden, darauf ein Spitzhelm.
Beschreibung Innen: Der eingezogene Chor umfasst ein Langjoch und schließt mit fünf Seiten des Achtecks, das Langhaus hat drei Joche und die Seitenmauern verengen gegen Westen stark den Innenraum, die schräge Führung der Langhausmauern ist durch den Lauf der miteinbezogenen Ringmauer bedingt, die Südmauer wurde dann aus Symmetriegründen ebenfalls schräg errichtet, so kommt es zu dem trapezförmigen
6 Grabsteinbuch des Freisinger Bischofs Joh. Fr. von Eckher, Zeichnung des Grabsteins des Ulrich Hackh, 20. September 1406, Bd. 2, S. 13b.
Grundriss, Der Raum wird von der unterwölbten, tiefen Westemporen dominiert und Sakristei und Turm befinden sich nördlich am Chor. Im Chor befindet sich ein Netzgewölbe auf schwachen, gefasten Wandpfeilern und spitzen Schildbogen, die birnstabförmigen Rippen ruhen auf profilierten Halbkreiskonsolen, an den Rippenkreuzungen befinden sich runde Schlusssteine mit aufgelegten, bemalten Wappenschilden. Im Langhaus ist das Gewölbe mit einer Netzrippenfiguration versehen, wobei es ohne Wandpfeiler und Schildbögen auskommen muss. Die Rippen ruhen teilweise auf halbrunden Schildkonsolen und am Gewölbescheitel befinden sich drei runde Schlusssteine mit bemalten Wappenschilden. Die Westempore dominiert wie bereits erwähnt den Hauptraum der Spitalkirche: sie ist dreischiffig unterwölbt zu je zwei Jochen, die Emporenwölbung ruht auf vier Pfeilern, die Empore besitzt außerdem eine mit Maßwerk reich verzierte Brüstung. Auch die Empore wirft einige Fragen auf, die ich gerne später zur Diskussion stellen würde.
Begriffsklärung: Landshuter Bauschule: warum? Nachdem wir uns nun einen knappen Überblick über die Vilsbiburger Kirchen verschafft haben, möchte ich nun den Begriff der Landshuter Bauschule wieder aufgreifen: Warum spricht man von einer Landshuter Bauschule? In Landshut wird, wie bereits erwähnt, ab 1385 an einer neuen Pfarrkirche gebaut: St. Martin. die vorherige Kirche war wie vielerorts zu klein, alt, romanisch, deshalb erging der Beschluss zu einem Neubau. Hier konnte der Chor bis 1400 beendet werden, bis 1432 waren die Außenmauern der ersten sieben Joche bis auf halbe Höhe aufgemauert, ab den 1440er Jahren legte man die Fundamente für den Turm und die Binnenpfeiler und bis 1475 war das Langhaus eingewölbt. Der Bau des Turms zog sich noch bis nach 1500 hin. St. Martin wird als Gründerbau für die Spätgotik im Landshuter Raum gesehen. Ab 1406 war nachweislich am Bau Hans von Burghausen7 beteiligt: der Kunsthistori-ker Eberhard Hanfstängl widmet 1911 dem Burghauser eine Monografie „Hans Stethaimer„8 (Verweis: Namensproblem) und bezeichnet ihn darin als Begründer der Landshuter Bauschule.
Der Kunsthistoriker Norbert Nussbaum hingegen betont 1984 in einem Aufsatz9 die charakteristischen oder auch prägnanten Merkmale, die die Bauten einer Bauschule besitzen müssen, außerdem müssen alle Einflüsse geklärt sein. Er weist darauf hin, dass der Begriff der Bauschule Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Inventarisierung der Kunstdenkmäler Einzug fand, heute sind uns in diesem Zusammenhang die Bände „Kunstdenkmäler Bayerns„ erhalten. Durch die Einführung von Bauschulen wurde so eine Einteilung in Gruppen möglich, die den Überblick erleichterte, da sehr viele spätgotische Bauten in Altbayern innerhalb kurzer Zeit errichtet wurden.
7
Urkunde vom 29.12.1406: Herzog Heinrich überschreibt Hans von Burghausen eine Haus am Friedhof. Urkunde gedruckt bei: Herzog, Theo, Meister Hanns von Burghausen, in: VHVN, Bd. 84, Landshut 1958, Urkunde A, S. 76.
8
Hanfstaengl, Eberhard, Hans Stethaimer, eine Studie zur spätgotischen Architektur Altbayerns, Leipzig 1911.
9
Nussbaum, Norbert, Die sogenannte Burghausener Bauschule, in: August Leidl (Hrsg.), Ostbairische Grenzmarken. Passauer Jahrbuch, Bd. 24, Passau 1984, S. 82-97.
Der Kunsthistoriker Hans Karlinger verwendet in seiner 1928 erschienen „Bayerischen Kunstgeschichte„10 sogar den Begriff der „Landshuter Gotik„. Als Gemeinsamkeiten nennt er, die es erlauben, von einer Stilrichtung zu sprechen, die geschmeidige Form der Backsteinwände, die hochragenden Räume und das Einsetzen von Seitenkapellen zwischen die Strebepfeiler, er sieht die Landshuter Schule als „geschlossene Schule, wie kaum eine in Süddeutschland„; In den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigt sich Franz Dambeck11 mit den spätgotischen Kirchenbauten in Bayern, vor allem in Ostbayern, auch der Landshuter Raum wird von ihm untersucht und der Begriff der Landshuter Bauschule von neuem geprägt: für ihn gelten das Backsteinmauerwerk, die Mauerbelebung durch Blendbögen, eine leichte Behäbigkeit der Innenräume sowie die Vorliebe zum Dekorativen als verbindlicher Elemente dieser Schule.
Fraglich ist nun, ob sich diese stilistischen Elemente als prägnante Gemeinsamkeiten an den Kirchenbauten nachweisen lassen und ob sie für die Bezeichnung einer Schule ausreichen; Deshalb werde ich nun im Folgenden die beiden Vilsbiburger Kirchen St. Martin in Landshut gegenüberstellen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausmachen zu können.
Eine Gemeinsamkeit von St. Martin und Mariä Himmelfahrt ist die Anlage als dreischiffige Hallenkirche, die Halle ist allerdings keine spätgotische Erfindung, ihre Ursprünge liegen in der Bettelorden-bzw. in der Zisterzienserarchitektur, ein Beispiel für eine frühe gotische Halle finden wir in Niederaltaich, das im 13. Jahrhundert errichtet wurde und heute allerdings barock überformt ist. In der Spätgotik hatte der Einsatz der Halle bauökonomische Gründe. Mit wenig Baumaterial konnte man hohe lichte Räume bauen, wichtig, da nun jeder, der Geld hatte, einen Kirchenbau mitfinanzieren konnte, so wurde der Kirchenbau zum teils weltlichen Prestigeobjekt, die Bauten liegen oft, wie auch hier in Vilsbiburg, an verkehrsgünstigen Punkten, deshalb war die Größe wichtig. Ein weiterer Grund für die Halle war sicherlich auch eine veränderte Auffassung der Liturgie: man wollte jedem Besucher des Gottesdienstes die Möglichkeit geben, am Wunder der Eucharistie sowie an der Predigt teilzuhaben, durch den Bau einer Halle und einen erweiterten Chor war das eher möglich, als in einer Basilika, in der der Gläubige eher zum entfernten Zuschauer wird. In der Anlage der Spitalkirche als einschiffiger Bau wird hingegen der Zweck betont: Die Notwendigkeit einer Andachtsstätte, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Reisenden und Kranken zu dienen, hier ist sicherlich nicht die Absicht einer großartigen Außenwirkung zu vermuten.
Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden am Außenbau: die beiden Pfarrkirchen in Vilsbiburg und Landshut sind in Ziegelbauweise erbaut, typisch für die Region, da es unfangreiche Lehmvorkommen gab und gibt, außerdem gab es seit dem Stadtbrand in Landshut 1342 einen Erlass des Herzogs, dass nur gemauerte Häuser in den Städten und Märkten errichtet werden dürften, deshalb waren Ziegelstadel und Lehmgruben in großer Zahl vorhanden, in Vib finden wir die erste urkundliche
10 Karlinger, Hans, Bayerische Kunstgeschichte, Altbayern und Bayrisch-Schwaben, München3, 1967.
11
Dambeck, Franz, Die Landshuter Schule und ihre geschichtliche Entwicklung, in: VHVN, Bd. 82, Landshut 1957; und derselbe: Spätgotische Kirchenbauten in Ostbayern (unveränderter Nachdruck von 1940), Passau2 1989.
Erwähnung eines Ziegelstadels 149712, auch z. B. in Geisenhausen ist ein mittelalterlicher Ziegelstadel bis in das 19. Jahrhundert hinein belegt.13 Ein wichtiger Vorteil davon war, dass man die Arbeiten am Bau in Eigenregie steuern konnte, dass heißt, es gab keine Abhängigkeit von langen Verkehrswegen, Zöllen, etc., Haustein für St. Martin, der als Dekorblenden am Außenbau verwendet wurde, kommt zum Beispiel aus Mittenwald. Ebenfalls gemein haben die beiden Pfarrkirchen das mächtige Langhaus, die Strebepfeiler am Bau, die Seitenkapellen sowie den Turm im Westen, wie bereits erwähnt eine Besonderheit. Der Westturm hat in beiden Fällen die Aufgabe, ein Gegengewicht zum mächtigen Langhaus zu stellen, außerdem gliedert er die Westfassade. Die Unterschiede am Turm zeigen sich vor allem in der Mauergliederung. Die in Landshut so charakteristischen Blendarkaden fehlen in Vilsbiburg. Dafür zeigt sich der Vilsbiburger Turm wesentlich ausgewogener in den Proportionen und hat die außergewöhnliche Variation am Übergang vom Quadrat zum Oktogon. Die Form des Vilsbiburger Turmes kann als reifer im spätgotischen Sinn betrachtet werden und zeigt Beziehungen zu ostbayerischen Türmen auf, zum Beispiel Eggenfelden und Straubing. Wenn wir nochmals zu den Kirchbauten zurückkommen, fällt auf, dass sind das Langhaus in Landshut deutlich vom Chor abhebt. Ähnliches kann man auch in Geisenhausen beobachten. Hier liegt wahrscheinlich ein direkter Bezug zur Landshuter Kirche vor. In Vilsbiburg hingegen sind Chor und Langhaus unter einem Dach vereint. Lediglich die Dächer der Seitenkapellen wirken angesetzt. Vilsbiburg folgt hier dem spätgotischem Einheitsgedanken, der in Landshut noch nicht ausgereift ist. Eine Tendenz, die später auch im Innenraum deutlich zu sehen sein wird.
Unterschiede sind auch zu erkennen, wenn man die Grundrisse vergleicht: Natürlich in den Ausmaßen: St. Martin hat eine Gesamtlänge von 97m, Vilsbiburg über 40 m, der Chor von Mariä Himmelfahrt ist gegenüber dem Langhaus sehr lang, 15m. In Landshut hingegen wirkt das Langhaus sehr gestreckt, vielleicht waren ursprünglich nur 7 Joche geplant. In Vilsbiburg überragt die Breite, einschließlich der Seitenkappellen ist das Langhaus breiter als lang. Gemein haben die beiden Grundrisse den gleichen Chorabschluss, die gleiche Breite von Chor und Mittelschiff und den weiten Chorbogen.
Der Raumeindruck, den man erhält, wenn man die beiden Pfarrkirchen betritt, unterscheidet sich ebenfalls sehr voneinander: St. Martin in Landshut zeigt sich extrem schlank und hoch, der Blick wird hier automatisch nach oben gelenkt. Auch wenn Gesimse und Kapitelle den Versuch einer horizontalen Gliederung machen, herrscht doch der vertikale Raumeindruck vor. Das Ganze wird durch die enge Stellung der Binnenpfeiler noch verstärkt, so dass die einzelnen Raumteile sehr voneinander abgegrenzt erscheinen und eine gesamtheitliche Betrachtung des Innenraums unmöglich ist. Hier sind noch deutlich hochgotische Tendenzen spürbar. Mariä Himmelfahrt aber breitet sich vor dem Betrachter aus. Wesentlich weiter und in ihrer Höhen-und Breitenerstreckung ausgewogener zeigt sich die Pfarrkirche in Vilsbiburg. Ein Erfassen des gesamten Innenraumes wird dem Besucher ermöglich und der weite Chorbogen erlaubt eine unmittelbare Teilhabe an der Liturgie.
12
AHV, Urkunde vom 10. August 1497.
13
Vgl. Steinberger, Mathias, Die Pfarrei Geisenhausen in der Erzdiözese München und Freising (Nachdruck der Ausgabe von 1891), Geisenhausen 1982, S. 43.
Dennoch bleibt noch die Autonomie der einzelnen Raumteile z. B. durch die relativ enge Stellung der Pfeiler erhalten. Die Pfarrkirche in Geisenhausen ist hier im Sinne des spätgotischen Einheitsgedanken ein Stück weiter. Eine weite Pfeilerstellung löst hier die Eigenständigkeit der Räume fast auf.
Spätgotische Gewölberippenfigurationen befinden sich in beiden Kirchen, in Landshut im Langhaus zeigt eine Zweiparallelrippenfiguration, damals eine geläufige Form in den 1470er Jahren. In Vilsbiburg allerdings wurde das Gewölbe aufwendiger gestaltet: Mit einer sogenannten Wechselberger Figuration. Hier kommt mehr das dekorative Element zum Tragen, das in der reifen Spätgotik an Bedeutung in der Gewölbebaukunst gewinnt. Hans Wechselberger ist mit seiner charakteristischen Rippenfiguration das erste Mal 1477 nachweisbar, und zwar in der Heiligkreuzkirche bei Burghausen. Kurz darauf dürfte er oder einer seiner Mitarbeiter die Pfarrkirche in Vilsbiburg eingewölbt haben. Ein weiteres Indiz dafür, dass der ostbayerische Raum hier in Vib Einfluss hatte. Ein weiteres Beispiel finden wir im näheren Umkreis in Landshut, St. Jodok ist ebenfalls in einer Wechselbergerfiguration eingewölbt (Verweis: Westendorfer-Wappen in beiden Gewölben, beide durch Westendorfer initiiert?).
Die Rippen in den Chören bieten ebenso wenig Vergleichsmöglichkeiten: In Landshut befindet sich eine sogenannte fließende Raute, sicherlich erst nach 1480 (die vorherige wurde wohl wieder abgeschlagen), in Vilsbiburg wurde der Chor mit Vier-bzw. Sechsrautensternen eingewölbt.
Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Achtrautensterne der beiden Pfarrkirchen. Der befindet sich in St. Martin in der Sakristei, in Vilsbiburg in der Turmhalle. Im direkten Vergleich allerdings zeigt sich der Vilsbiburger Stern wesentlich reicher ausgestaltet, auch zeitlich bewegen sie sich weit auseinander: der Landshuter Stern zu Beginn des 15. Jahrhunderts, der Vilsbiburger Stern ist aufgrund seiner Lage in der Turmhalle nicht vor 1480 anzusetzen.
Zu den Konsolen und Diensten: In beiden Pfarrkirchen werden die Gewölberippen im Langhaus von halbrunden Diensten getragen, die oben mit einem Kapitell abschließen. In Landshut trägt dieses Kapitell zusätzlich eine Laubwerksdekoration, auf die in Vilsbiburg verzichtet wurde. Sicherlich nicht aus Kostengründen, sondern um die Einheitlichkeit des Raumes hervorzuheben. Die Kapitelle in der Landshuter Form verweisen wie viele andere Elemente auf die noch bestehende Tendenz zur Hochgotik, die in Vilsbiburg bereits überwunden ist. Die Konsolen an beiden Orten lassen eher Zusammenhänge vermuten: Profilierte Spitzkonsolen in ähnlicher Form befinden sich in Vilsbiburg im Chor und in Landshut in den Seitenkapellen, das gilt allerdings nicht für alle Konsolen: die wenigen erhaltenden Kopfkonsolen der Seitenkapellen in Vilsbiburg sprechen noch eine recht stilisierte Formensprache, in Landshut hingegen verweisen die Kopfkonsolen außen an den Portalen auf einen Fortgang des 15. Jahrhunderts: wesentlich naturgetreuer erscheinen hier die Köpfe. Hier kann eher der Vergleich zu den Köpfen an den Konsolen des Südportals in Vilsbiburg angestrebt werden.
So können im Bezug auf unsere Fragestellung, die Auswirkungen einer sogenannten Landshuter Bauschule auf die Vilsbiburger Kirchen, folgende Aussagen gemacht werden: Insgesamt gesehen muss die Existenz einer Landshuter Bauschule in Frage gestellt werden, da sie sich nicht durch prägnante, immer wieder kehrende Merkmale nachweisen lässt. Auch Gemeinsamkeiten beim Bautyp und dem Baumaterial führen nicht zum Nachweis einer Bauschule, haben sie doch eher ökonomische und praktische Gründe. Natürlich besitzen die hier ausgewählten Bauten Merkmale, in denen sie sich aufeinander beziehen, aber die anfangs aufgeführten Charakteristika wie ein Hochstreben der Mauern, die Mauerbelebung durch Blendarkaden und die Vorliebe zum Dekorativen findet sich in Vilsbiburg kaum. Mehr die spätgotischen Tendenzen verkörpernd zeigt sich Vilsbiburg als ein Bindeglied zwischen Landshuter und ostbayerischer Einflüsse und stellt somit ein sehr frühes Beispiel für die angestrebte Verwirklichung des Einheitsgedanken der Spätgotik dar.
Abschließend möchte ich einige Gedanken bezüglich der Emporen in der Pfarrkirche und der Spitalkirche in Vilsbiburg zur Diskussion stellen. Beide Emporen wurden im Zuge der Regotisierungsbewegung des 19. Jahrhunderts verändert und zeigen heute nicht mehr ihr ursprüngliches Aussehen. In der Pfarrkirche wurde, wie wir wissen, die Empore auf die Seitenschiffe hin ausgeweitet und ihre Brüstung wurde durch Ergänzungen noch gotischer gemacht, die hier allerdings zum Teil im 20. Jahrhundert entfernt wurden. In der Spitalkirche sind heute diese neugotischen Ergänzungen ebenfalls teilweise noch vorhanden. Trotz dieser Veränderungen ist unübersehbar, dass sich beide Emporen sehr ähneln. Auch die vorderen Pfeilerpaare, auf denen die Emporen ruhen, zeigen fast identisches Aussehen. Aufgrund der geschwungenen Wappenform in der Spitalkirche wäre es aber auch denkbar, dass die Pfeiler zu einem späteren Zeitpunkt noch verändert wurden. Wenn man sich nun aber die Installation der Empore in der Spitalkirche ansieht, bekommt an den Eindruck, als sei die Empore später hineingebaut worden, erscheint sie doch im Gegensatz zum Raum zu groß und zu dominant. Stilistisch gehört sie sicherlich noch in spätgotische Zeit, ein nachträglicher Einbau in die Spitalkirche, die wie wir wissen zu Beginn des 15. Jahrhunderts errichtet wurde, erscheint somit sehr wahrscheinlich. Vielleicht wurde die Empore im Zuge der Errichtung des Spitals von einem wohlhabenden Stifter finanziert, vielleicht sogar von Caspar Westendorfer selbst. Eine weitere Ergänzung im ausgehenden 15. Jahrhundert stellen meiner Meinung nach die Gewölbe der Spitalkirche dar. Zu einheitlich erscheinen sie, als dass sie in größeren zeitlichen Abständen eingezogen wurden. Ein Beleg dafür, dass der Einbau der Gewölbe ebenfalls in die 1470/80er Jahre fällt, ist das Westendorfer Wappen im Chor. Zudem verweist das Fehlen von Wandpfeilern im Langhaus darauf, dass es sich beim Gewölbe eher um eine dekorative Ergänzung handelt, als um eine statische Notwendigkeit. Außerdem sind die Ansätze des Gewölbes an der Wand auf der Empore verkürzt. Das kann zum einen am trapezförmigen Grundriss des Langhauses liegen, aber auch eine Verkürzung durch die Anwesenheit der Empore scheint denkbar. Leider kann der Zeitpunkt für die Einbauten der beiden Emporen nicht genau bestimmt werden, also muss offen bleiben, welche Empore für die andere Vorbild war. Sicherlich wurden beide in den 1470/80er Jahren errichtet, vielleicht sogar von denselben Handwerkern, so wäre die Ähnlichkeit zu erklären. Die beiden Emporen hatten mit Gewissheit die Aufgabe, mehr Platz zu schaffen, zudem war dadurch in die Spitalkirche der Zugang vom Obergeschoss des Spitals her möglich. In beiden Fällen darf aber der repräsentative Charakter der Einbauten nicht außer Acht gelassen werden.

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